東京 — Tokyo
„Tokio trifft einen nicht allmählich. Die Stadt trifft einen sofort. Wir sitzen in einer winzigen Nudelküche irgendwo in Shibuya, es ist mitten in der Nacht, und draussen leuchtet und glitzert eine Stadt, die sich wie eine eigene Welt anfühlt. Wir sind kaum angekommen und schon klar: Tokio ist anders. Es gibt so viele verrückte Dinge in Tokio.
Das hatten wir erwartet. Was wir nicht erwartet haben, ist wie schnell uns diese Stadt in den Bann zieht. Tokio ist die Stadt, in der man in Cafés Schafe streicheln kann, sich in einem Maidcafé von verkleideten Kellnerinnen bedienen lässt oder in Gamehallen landet, die so laut sind, dass man nach zwei Minuten wieder draussen steht.
Genau das sind die verrückten Dinge in Tokio, die uns von der ersten Minute an gepackt haben. Es ist eine Stadt voller Widersprüche, jahrhundertealte Schreine neben grellen Leuchtreklamen, absolute Stille neben ohrenbetäubendem Lärm, höfliche Zurückhaltung neben absoluter Exzentrik.“
Quelle: Rapunzel will raus
箱根 — Hakone
Hakone macht keinen Lärm. Nach Tokio ist das die erste Überraschung. Man steigt aus, und statt Leuchtreklamen liegt Nebel über den Bergen, irgendwo dampft Wasser aus dem Boden, als würde die Erde selbst atmen. Man steht am Ufer des Ashi-Sees, davor, mitten im Wasser, das rote Torii-Tor des Hakone-Schreins, und für einen Moment tut man einfach nichts.
Dann geht es höher, mit der Seilbahn über den Hakone Loop hinauf nach Owakudani auf gut tausend Metern, wo es nach Schwefel riecht und der Berg zischt und blubbert, als koche gleich das ganze Tal über. Genau hier isst man die berühmten schwarzen Eier, in heissen Quellen gegart, pechschwarz an der Schale, und die Legende verspricht sieben zusätzliche Lebensjahre pro Ei, was das Ganze zur seltsamsten Altersvorsorge der Welt macht.
Wer will, wandert den alten Tokaido-Pfad, den Hakone Hachiri, auf dem schon in der Edo-Zeit die Leute zwischen Kyoto und Tokio unterwegs waren, und kehrt in einem Teehaus ein, das seit 400 Jahren Amazake ausschenkt.
Danach lohnt sich ein Bad in einem der Onsen, denn diese Region ist voll davon, jede Quelle ein bisschen anders. Und wenn der Nebel es gut mit einem meint, reisst er kurz auf und gibt den Blick frei auf den Fuji, und dann versteht man, warum halb Japan diesen Berg malt.
Kyōto lässt sich nicht überfallen. Wer aus dem hypermodernen Bahnhof tritt und erwartet, dass die Stadt aussieht wie vor zweihundert Jahren, steht erst mal ratlos im Verkehr und fragt sich, wo denn nun die Schreine sind, die Gassen, die Geishas, die durch die Dämmerung huschen. Genau das ist der Trick: Kyōto zeigt seine über zweitausend Tempel und Schreine nicht her, viele davon liegen hinter dicken Mauern versteckt, und je schneller man durch die Stadt hetzt, desto weniger davon findet man. Man steigt am besten aufs Fahrrad, lässt die grossen Strassen links liegen und rollt durch Reihen alter Stadthäuser, und plötzlich sieht Kyōto exakt so aus, wie man es sich immer vorgestellt hat.
Die eigentliche Formel für diese Stadt ist keine Sehenswürdigkeit, sondern ein Tempo: langsam. Es gibt sogar ein japanisches Sprichwort dafür, isogaba maware, sinngemäss „wenn du es eilig hast, geh langsam“, und nirgends versteht man es besser als hier. Am schönsten wird das oben auf der Holzterrasse des Kiyomizu-dera, wenn man der Sonne beim Untergehen zusieht und die Stadt Licht für Licht ihr nächtliches Gesicht zeigt. Und das Seltsame ist: sobald man diese Ruhe wirklich in sich findet, stört es auf einmal nicht mehr, dass ein paar hundert andere neben einem stehen und dasselbe bestaunen.
Man kommt nach Kyōto, um mehr zu sehen als anderswo, und lernt am Ende, dass weniger genau das war, was gefehlt hat.
京都 — Kyoto
奈良 — Nara
In Nara wird man begrüsst, bevor man irgendetwas gesehen hat. Kaum steigt man aus, steht schon ein Hirsch am Weg und schaut einen an, als hätte er auf genau dich gewartet. Über tausend von ihnen leben hier frei im Park, sie gelten als heilige Boten, und wer die kleinen Rehkekse kauft, bekommt eine Verbeugung dafür, was rührend höflich wirkt, bis der zweite Hirsch am Ärmel zerrt und der Rest der Herde begreift, dass du soeben zur wandelnden Futterquelle geworden bist.
Zwischen all dem Fell steht dann die eigentliche Wucht: der Tōdai-ji, das grösste Holzgebäude der Welt, und darin, fünfzehn Meter hoch aus Bronze, der grosse Buddha, vor dem man automatisch leiser wird.
Am schönsten wird Nara aber am späten Nachmittag, wenn man den Weg zum Kasuga-Taisha hinaufgeht, einem Schrein tief im Wald, gesäumt von Tausenden moosbewachsenen Steinlaternen, zwischen denen immer wieder ein Hirsch hervorlugt. Kommt man spät genug, sind die Reisebusse weg, und für einen Moment gehört das ganze Areal fast einem allein.
Nara war Japans erste grosse Hauptstadt, im 8. Jahrhundert, und man spürt dieses Alter an jeder Ecke, ohne dass es sich museal anfühlt. Von Osaka aus ist man in einer knappen Stunde da, und gerade dieser Sprung, vom Neonlärm der Grossstadt hinein in den stillen Hirschwald, macht den Reiz erst richtig aus. Man kommt für die Tempel und bleibt wegen der Rehe, oder man glaubt es zumindest, bis der Buddha einen eines Besseren belehrt.
大阪 — Osaka










Osaka gibt sich keine Mühe, schön zu sein. Wer aus Kyōto kommt, wo jede Gasse flüstert, landet hier mitten im Geschrei, zwischen Betonklötzen und Leuchtreklamen, und merkt schnell: Diese Stadt will nicht bewundert, sie will gegessen werden. Osaka gilt als kulinarische Hauptstadt Japans, und das spürt man an jeder Ecke, wo es dampft, brutzelt und nach Takoyaki riecht, den kleinen Teigbällchen mit Oktopus, die man sich brühheiss und viel zu früh in den Mund schiebt.
Das Herz des Ganzen ist Dōtonbori, wo abends die Hölle los ist, hunderte Leuchtschilder um die Wette blinken und über allem der berühmte Glico-Läufer thront, der seit Jahrzehnten mit erhobenen Armen ins Ziel rennt, ohne je anzukommen. Von der Ebisu-Brücke aus schaut man ihm dabei zu, eingekeilt zwischen lauter Leuten, die genau dasselbe Foto machen.
Wer es noch roher mag, geht in den überdachten Kuromon-Markt, wo Fische und Meeresfrüchte ausliegen, die man in Europa nicht mal benennen könnte.
Und ein paar Strassen weiter, in America-mura, dröhnt Hip-Hop aus den Läden und auf einem Dach steht doch tatsächlich eine kleine Freiheitsstatue, als hätte Osaka beschlossen, den amerikanischen Traum einfach mal nachzubauen, nur lauter.
Die Osaker gelten als die rebellischsten Japaner, so weit man das bei Japanern überhaupt sagen kann, und genau diese Frechheit macht den Reiz aus. Man kommt nicht wegen der Schönheit, man kommt wegen des Appetits, und geht mit vollem Bauch und dröhnenden Ohren wieder.
Und wer von allem fliehen muss, der findet selbstverständlich auch in Osaka noch die ein oder andere traditionelle Ecke.
お誕生日おめでとう
Happy Birthday
Fünf Städte, ein Weg, und das Schönste daran ist, dass wir ihn gemeinsam gehen.
Ich freue mich auf unseren Trip. Mehr folgt.
Hab Dich lieb, dein Papa. Fushibouken!